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AfCFTA in Wien: Digitale Handelswerkzeuge im Einsatz

Beim AfCFTA-Treffen in Wien wurden neue Details zur praktischen Umsetzung bekannt: von digitalen Zollwerkzeugen über Handelszahlen bis zu offenen Problemen an Afrikas Grenzen.

Von IOTA News
Afrikas Freihandelszone soll grenzüberschreitende Handelsprozesse vereinfachen und regionale Wertschöpfungsketten stärken.

Afrikas Freihandelszone steht vor der nächsten Herausforderung: Die vereinbarten Handelsregeln müssen im wirtschaftlichen Alltag funktionieren. Bei einer Diskussion am 19. Oktober 2026 in Wien erläuterten Vertreter des AfCFTA-Sekretariats, welche Fortschritte bereits erzielt wurden, welche digitalen Instrumente Unternehmen nutzen können und warum weiterhin erhebliche Hindernisse bestehen.

Im Bruno Kreisky Forum diskutierten AfCFTA-Generalsekretär Wamkele Mene, Cynthia Gnassingbe-Essonam vom AfCFTA-Sekretariat und die Handelsexpertin Leena Koni Hoffmann von Chatham House über den Stand der afrikanischen Wirtschaftsintegration.

Die zentrale Botschaft: Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) befindet sich zunehmend im Übergang von politischen Vereinbarungen zur praktischen Umsetzung. Dabei spielen digitale Handelsinformationen, regionale Produktionskapazitäten und der Zugang zu Finanzierung eine wichtige Rolle.

50 Staaten haben das Abkommen ratifiziert

Wamkele Mene erklärte, dass inzwischen 50 afrikanische Staaten das Abkommen ratifiziert hätten. Die wesentlichen Verhandlungen bezeichnete er als abgeschlossen. Nun müsse sich zeigen, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten daraus tatsächlich entstehen.

"We are now transitioning to implementation mode", sagte Mene während der Diskussion.

Dabei stellte er klar, dass die praktische Umsetzung nicht beim AfCFTA-Sekretariat selbst liege. Dessen Aufgabe bestehe darin, die Mitgliedstaaten bei der Einführung der vereinbarten Regeln zu unterstützen.

Die Herausforderung ist erheblich. Afrika verfügt über unterschiedliche Zollsysteme, nationale Vorschriften, Währungen und wirtschaftliche Entwicklungsstände. Unternehmen wollen neue Märkte erschließen, während Regierungen die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür schaffen müssen.

Mene verwies darauf, dass sich die Entwicklung eines gemeinsamen Marktes über Jahrzehnte erstrecken könne. Als Vergleich führte er die europäische Wirtschaftsintegration an.

220 Milliarden US-Dollar innerafrikanischer Handel

Für das Jahr 2025 bezifferte Mene den innerafrikanischen Handel auf rund 220 Milliarden US-Dollar. Je nach Datenquelle werde dessen Anteil am gesamten afrikanischen Handel mit ungefähr 15 bis 20 Prozent angegeben.

Er hält den tatsächlichen Umfang allerdings für höher. Besonders der informelle Handel kleiner Unternehmen und landwirtschaftlicher Betriebe werde statistisch nur unvollständig erfasst.

Als Beispiel nannte er den Grenzübergang Kasumbalesa zwischen Sambia und der Demokratischen Republik Kongo, wo erhebliche Handelsaktivitäten außerhalb traditioneller Erfassungsmethoden stattfinden.

Das AfCFTA-Sekretariat arbeite deshalb an einer Untersuchung, die auch diese bislang unzureichend dokumentierten Handelsströme berücksichtigen soll.

Wichtig ist die Unterscheidung: Die genannten 220 Milliarden US-Dollar beschreiben den gesamten erfassten innerafrikanischen Handel. Sie sind nicht mit dem Handelsvolumen gleichzusetzen, das bereits ausdrücklich unter den Zollvergünstigungen der AfCFTA abgewickelt wird.

26 Staaten haben Zollregelungen veröffentlicht

Cynthia Gnassingbe-Essonam lieferte konkrete Informationen darüber, wie weit die praktische Anwendung des Abkommens bereits fortgeschritten ist.

Ihren Angaben zufolge hatten zum Zeitpunkt der Veranstaltung 26 Staaten die relevanten Zollregelungen amtlich bekannt gemacht. Mehrere Länder stellen außerdem aktiv Ursprungszeugnisse für Waren aus, die unter den vereinbarten Handelsbedingungen bewegt werden.

Besonders nannte sie Südafrika, Ägypten, Kenia, Ghana und Äthiopien.

Diese Ursprungszeugnisse sind wichtig, weil Unternehmen damit nachweisen können, dass ihre Waren die Voraussetzungen für vereinbarte Zollvergünstigungen erfüllen.

Bereits 2022 hatte das AfCFTA-Sekretariat mit der Guided Trade Initiative eine Initiative gestartet, um den Handel nach den neuen Regeln praktisch zu erproben. Zu den ersten Teilnehmern gehörten unter anderem Ghana, Kenia, Kamerun, Ruanda, Ägypten, Mauritius und Tansania.

Inzwischen werden nach Angaben von Gnassingbe-Essonam weitere Waren und Handelsrouten einbezogen. Die ausgestellten Ursprungszeugnisse liefern dabei einen Hinweis darauf, dass Unternehmen das Abkommen tatsächlich nutzen.

Eine vollständige Auswertung des Handelswerts unter den AfCFTA-Vorzugsbedingungen wurde in Wien jedoch nicht vorgestellt.

Digitale Handelswerkzeuge sind bereits verfügbar

Ein besonders konkreter Teil der Diskussion betraf die Digitalisierung der Handelsverfahren.

Gnassingbe-Essonam stellte drei Instrumente vor, die das AfCFTA-Sekretariat bereits bereitgestellt hat.

Electronic Tariff Book: Das elektronische Zolltarifbuch ermöglicht Unternehmen, Importeuren und Logistikdienstleistern, sich über die geltenden Zollregelungen für Warenlieferungen zwischen afrikanischen Staaten zu informieren.

Non-Tariff Barrier Portal: Über das digitale Meldeportal können Unternehmen nichttarifäre Handelshemmnisse melden. Dazu gehören beispielsweise Verzögerungen an Grenzen, zusätzliche Dokumentenanforderungen oder Probleme bei der Anwendung vereinbarter Handelsbedingungen.

Rules of Origin Manual: Das Handbuch zu den Ursprungsregeln soll Unternehmen helfen, die Voraussetzungen für den Handel unter den AfCFTA-Regeln zu verstehen.

Das elektronische Zolltarifbuch und das Handbuch wurden bereits 2022 im Zusammenhang mit der Guided Trade Initiative veröffentlicht.

Das Beschwerdeportal ist ebenfalls praktisch nutzbar. Ein dokumentierter Fall aus dem Jahr 2025 betrifft nigerianische Exporteure, die bei der Warenabfertigung in Kenia mit zusätzlichen Dokumentenanforderungen konfrontiert wurden. Die Angelegenheit wurde über den AfCFTA-Mechanismus behandelt und anschließend als gelöst vermerkt.

Damit existieren bereits digitale Werkzeuge, die über politische Ankündigungen hinausgehen.

Gleichzeitig betonte Gnassingbe-Essonam, dass viele kleine Unternehmen noch nicht ausreichend über diese Möglichkeiten informiert seien. Das Sekretariat arbeite deshalb an Schulungen und einer besseren Verbreitung von Handelsinformationen.

Vier Wirtschaftszweige stehen im Mittelpunkt

Neben effizienteren Handelsverfahren soll die AfCFTA den Aufbau regionaler Produktionskapazitäten unterstützen.

Gnassingbe-Essonam beschrieb vier Schwerpunktbereiche, für die Produktionsmöglichkeiten, Nachfrage und Investitionspotenziale untersucht werden:

  • Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung
  • Automobilindustrie und Zulieferketten
  • Pharmaindustrie
  • Transport und Logistik

Das Ziel besteht darin, Unternehmen und Investoren besser miteinander zu verbinden und zusätzliche industrielle Wertschöpfung innerhalb Afrikas zu ermöglichen.

Auch die Finanzierung spielt dabei eine Rolle. Mene verwies auf den bereits eingerichteten AfCFTA Adjustment Fund, der unter anderem industrielle Entwicklung und kleinere Marktteilnehmer unterstützen soll.

Ein Freihandelsabkommen dürfe seiner Ansicht nach nicht ausschließlich den größten Volkswirtschaften und Unternehmen zugutekommen. Andernfalls drohe die wirtschaftliche Integration an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Digitale Wirtschaft als Wachstumstreiber

Mene sieht in der Digitalisierung einen der wichtigsten Faktoren für Afrikas künftige wirtschaftliche Entwicklung.

Er verwies auf eine Prognose der International Finance Corporation, wonach Afrikas Digitalwirtschaft bis 2050 einen Umfang von 712 Milliarden US-Dollar erreichen könnte.

Zu den entscheidenden Entwicklungen zählt er mobile Zahlungssysteme, Rechenzentren, den grenzüberschreitenden Datenaustausch und künstliche Intelligenz.

Gerade bei digitalen Zahlungen verwies Mene auf die Entwicklung in Ostafrika, wo mobile Zahlungssysteme bereits eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Alltag spielen.

Leena Koni Hoffmann ergänzte diese Perspektive durch einen Hinweis auf das Pan-African Payment and Settlement System (PAPSS). Es soll grenzüberschreitende Zahlungen in afrikanischen Währungen erleichtern.

Sie machte jedoch deutlich, dass technische Zahlungsmöglichkeiten allein nicht ausreichen. Kleinere Händler benötigen weiterhin Zugang zu regulären Finanzdienstleistungen, Krediten und verlässlichen Handelsinformationen.

Darüber hinaus schilderte Hoffmann konkrete Hindernisse an afrikanischen Grenzen. Am Beispiel des Handels zwischen Nigeria und Benin verwies sie auf zahlreiche Kontrollpunkte, die Transportzeiten verlängern und zusätzliche Kosten verursachen können.

Damit bleibt die praktische Handelserleichterung eine Aufgabe, die digitale und organisatorische Reformen miteinander verbinden muss.

IOTA und ADAPT: Bestehende Zusammenarbeit, keine neue Ankündigung

Für das IOTA-Ökosystem sind die beschriebenen Herausforderungen relevant, weil das AfCFTA-Sekretariat bereits an einer gemeinsamen digitalen Handelsinfrastruktur arbeitet.

Die im November 2025 angekündigte Africa Digital Access and Public Infrastructure for Trade (ADAPT) wird unter Federführung des AfCFTA-Sekretariats gemeinsam mit der IOTA Foundation, dem World Economic Forum und dem Tony Blair Institute for Global Change entwickelt.

Als technische Grundlage ist das Trade Worldwide Information Network (TWIN) vorgesehen. Die Initiative soll digitale Identitäten, überprüfbare Handelsinformationen und interoperable Zahlungssysteme miteinander verbinden.

Im Mai 2026 wurden Kenia, Nigeria und Marokko als erste Länder für die Umsetzung vorgestellt.

Die Arbeiten befinden sich in einer frühen Implementierungsphase. Nationale Koordinierungsstrukturen, technische Schnittstellen und rechtliche Voraussetzungen müssen weiter aufgebaut und getestet werden.

Erfahrungen aus der Trade Logistics Information Pipeline (TLIP) bilden einen Teil des technischen Hintergrunds dieser Entwicklung.

Im Transkript der Wiener Veranstaltung wurden allerdings weder IOTA noch ADAPT, TWIN oder TLIP ausdrücklich erwähnt. Aus den Aussagen über digitale Handelswerkzeuge lässt sich deshalb keine neue technische Integration oder zusätzliche Partnerschaft ableiten.

Die in Wien vorgestellten AfCFTA-Werkzeuge sind zudem nicht automatisch Bestandteile der ADAPT-Infrastruktur. Eine konkrete technische Verbindung wurde während der Diskussion nicht dokumentiert.

Mene fordert neue Handelsbeziehungen mit Europa

Zum Abschluss seines Gesprächs ging Mene auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Afrika und Europa ein.

Er stellte die bisherigen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen europäischen und afrikanischen Staaten infrage und sprach sich für eine Neubewertung aus. Die frühere Fragmentierung der Handelsbeziehungen dürfe sich nicht wiederholen.

Statt vorwiegend auf klassische Entwicklungshilfe zu setzen, bevorzugt er wirtschaftlich tragfähige Investitionspartnerschaften, bei denen Unternehmen Kapital einsetzen, Erträge erzielen und neue Arbeitsplätze entstehen.

Als geeignete Bereiche nannte er insbesondere digitale Wirtschaft, Infrastruktur, Transport und Logistik.

Parallel zur Veranstaltung führte Mene am 19. Oktober in Wien auch Gespräche mit der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO).

Dort wurden die industrielle Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe, regionale Wertschöpfungsketten und eine mögliche engere institutionelle Zusammenarbeit besprochen.

Laut der am 21. Oktober veröffentlichten UNIDO-Mitteilung soll eine geplante Kooperationsvereinbarung durch einen konkreten Aktionsplan ergänzt werden. Eine bereits abgeschlossene neue Vereinbarung wurde damit nicht bestätigt.

Fazit

Die Wiener Diskussion liefert einen konkreteren Einblick in den gegenwärtigen Entwicklungsstand der AfCFTA.

Mit 50 ratifizierenden Staaten, amtlich veröffentlichten Zollregelungen in 26 Ländern, ausgestellten Ursprungszeugnissen und verfügbaren digitalen Handelswerkzeugen sind wichtige Grundlagen geschaffen worden.

Gleichzeitig bestehen erhebliche Herausforderungen bei der Anwendung der Regeln, der Finanzierung kleiner Unternehmen, dem Zugang zu Marktinformationen und der Abfertigung von Waren an nationalen Grenzen.

Für IOTA ist die Entwicklung durch die bestehende ADAPT-Partnerschaft relevant. Das Treffen selbst brachte jedoch keine neue IOTA-Ankündigung hervor.

Entscheidend wird sein, ob sich die vereinbarten Handelsregeln und digitalen Instrumente in den kommenden Jahren in messbar kürzeren Verfahren, steigenden Handelsaktivitäten und besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten für Unternehmen niederschlagen.

Quellen

IOTA News

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IOTA News, Netzwerkdaten und Einblicke ins Ökosystem. Entwicklungen verfolgen, Zusammenhänge verstehen und wichtige Signale erkennen.

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