Digitale Identitäten könnten die Registrierung von Menschen in Notunterkünften erheblich vereinfachen. Ein Pilotprojekt in der japanischen Stadt Iizuka zeigt, wie sich überprüfbare digitale Nachweise mit Blockchain Technologie verbinden lassen. Die Plattform Turing Space war über ihre japanische Gesellschaft an der Umsetzung beteiligt und nutzte dabei unter anderem die öffentliche IOTA Infrastruktur.
Die am 1. September 2026 veröffentlichten Ergebnisse zeigen einen deutlichen Unterschied: Während eine handschriftliche Registrierung im untersuchten Versuch durchschnittlich 151,06 Sekunden benötigte, dauerte die Überprüfung mit digitalen Nachweisen nur 68,96 Sekunden.
Das entspricht einer Zeitersparnis von rund 54 %.
Die Ergebnisse stammen aus einem abgeschlossenen Forschungs- und Erprobungsprojekt. Sie zeigen das Potenzial digitaler Identitätsnachweise, lassen sich aber noch nicht ohne Weiteres auf den regulären Betrieb größerer Notunterkünfte übertragen.
Ein Praxisversuch für digitale Identitäten im Katastrophenschutz
Das Projekt wurde zwischen Dezember 2025 und März 2026 in der japanischen Stadt Iizuka in der Präfektur Fukuoka durchgeführt.
Beteiligt waren Turing Japan, die Shibuya Web3 University und das auf Katastrophenschutz spezialisierte Unternehmen Kangaeru Bosai. Die Stadt Iizuka unterstützte das Vorhaben im Rahmen ihres Programms zur Erprobung moderner Informationstechnologien.
Im Mittelpunkt stand eine praktische Herausforderung: Wie lassen sich Menschen bei einer Evakuierung möglichst schnell und zuverlässig registrieren?
In vielen Notunterkünften erfolgt die Anmeldung weiterhin über Papierformulare. Personen müssen Namen, Adresse und weitere Informationen angeben, während Mitarbeiter die Daten aufnehmen und verwalten.
Gerade bei einer größeren Zahl gleichzeitig eintreffender Menschen können solche Abläufe zeitaufwendig sein.
Die Projektpartner untersuchten deshalb, ob bereits ausgestellte digitale Identitätsnachweise eine schnellere Überprüfung ermöglichen.
Die technische Grundlage lieferte Turing Certs, die Plattform von Turing Space zur Ausstellung und Überprüfung digitaler Zertifikate.
Turing Space gehört seit November 2025 zum Business Innovation Program der IOTA Foundation. Das Unternehmen entwickelt Lösungen für überprüfbare digitale Nachweise und nutzt dafür unter anderem Technologien des IOTA-Netzwerks.
Registrierung von 151 auf 69 Sekunden reduziert
Der erste praktische Test fand am 23. Dezember 2025 im Rathaus von Iizuka statt.
Im Vorfeld erhielten 30 Personen digitale Nachweise. Von ihnen nahmen 27 an einer simulierten Registrierung in einer Notunterkunft teil.
Die Projektpartner verglichen zwei unterschiedliche Verfahren unter vergleichbaren Bedingungen:
- Die herkömmliche Registrierung mit handschriftlichen Angaben.
- Die digitale Überprüfung über dezentrale Identitäten und überprüfbare Zertifikate.
Die Ergebnisse wurden im Februar 2026 in einem Zwischenbericht vorgestellt und später in den Abschlussbericht aufgenommen.

Die digitale Variante benötigte damit weniger als die Hälfte der Zeit.
Besonders interessant ist die Aufteilung der gemessenen 68,96 Sekunden.
Die eigentliche Überprüfung des Nachweises dauerte durchschnittlich 24,11 Sekunden. Weitere 31,44 Sekunden entfielen auf das Anzeigen des Zertifikats. Die Suche nach der entsprechenden E-Mail beanspruchte zusätzlich 13,41 Sekunden.
Damit zeigt der Versuch nicht nur eine deutliche Beschleunigung, sondern auch, an welchen Stellen noch Verbesserungen möglich sind.
Denn der größte Teil der verbleibenden Zeit entstand nicht bei der technischen Überprüfung selbst, sondern bei der Bedienung durch die Nutzer.
Ein digitaler Nachweis für zwei unterschiedliche Situationen
Ein weiterer Bestandteil des Projekts war die Verbindung von Katastrophenschutz und alltäglicher Weiterbildung.
Die Projektpartner entwickelten dafür ein achtwöchiges Lernprogramm mit insgesamt 56 Fragen rund um die persönliche Vorbereitung auf Krisensituationen.
Teilnehmer erhielten abhängig von ihrem Fortschritt unterschiedliche digitale Zertifikate.
Diese Nachweise sollten zunächst bestätigen, dass sich eine Person mit Themen der Katastrophenvorsorge beschäftigt hatte.
Im nächsten Schritt wurde untersucht, ob sich derselbe Nachweis auch bei der Registrierung in einer simulierten Notunterkunft verwenden lässt.
Am 20. März 2026 fand dazu ein weiterer praktischer Test im Rahmen der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen der Stadt Iizuka statt.
Dabei konnten Teilnehmer ihre zuvor erhaltenen digitalen Nachweise vorzeigen und für die Registrierung verwenden.
Das grundlegende Konzept lautet: Ein digitaler Nachweis soll in verschiedenen Situationen wiederverwendbar sein.
Ein Zertifikat, das im Alltag für Weiterbildung oder Qualifikationen ausgestellt wird, könnte unter bestimmten Voraussetzungen später auch in anderen Verwaltungsprozessen eingesetzt werden.
Damit würde sich sein Nutzen über den ursprünglichen Ausstellungszweck hinaus erweitern.
Welche Rolle spielte IOTA?
Für die technische Umsetzung kamen zwei unterschiedliche Blockchain Systeme zum Einsatz.
Neben dem öffentlichen IOTA-Netzwerk verwendeten die Projektpartner auch DNCWARE Blockchain+ von Toshiba, eine Infrastruktur für geschlossene Teilnehmernetzwerke.
Beide Systeme wurden im Rahmen der Erprobung für die Verarbeitung beziehungsweise Überprüfung digitaler Nachweise berücksichtigt.
Die Zertifikate selbst wurden über Turing Certs bereitgestellt.
Die technische Grundlage dafür bilden dezentrale Identifikatoren, sogenannte Decentralized Identifiers (DID), und überprüfbare digitale Nachweise, die als Verifiable Credentials (VC) bezeichnet werden.
Ein solcher Nachweis enthält strukturierte Informationen sowie kryptografische Merkmale, mit denen sich seine Echtheit überprüfen lässt.
Für die Empfänger bedeutet das, dass sie gegenüber einer berechtigten Stelle bestimmte Informationen digital nachweisen können.
Die empfangende Organisation kann überprüfen, ob das Zertifikat von einer vertrauenswürdigen Stelle ausgestellt wurde und ob die entsprechenden Nachweise gültig sind.
Dabei müssen sensible personenbezogene Daten nicht vollständig auf einer öffentlichen Blockchain gespeichert werden.
Im japanischen Versuch wurden die für die Registrierung benötigten personenbezogenen Angaben nach Abstimmung mit der Stadt auf Name, Adresse und Geburtsdatum begrenzt.
IOTA als öffentliche Infrastruktur
IOTA bietet verschiedene technische Komponenten für Anwendungen mit digitalen Identitäten und überprüfbaren Nachweisen.
Dazu gehören IOTA Identity für dezentrale Identitäten und IOTA Notarization zur Absicherung digitaler Nachweise.
Zusätzlich können mit der IOTA Gas Station Transaktionsgebühren durch den Betreiber einer Anwendung übernommen werden.
Dadurch müssen Nutzer nicht zwangsläufig selbst IOTA-Token besitzen, um eine entsprechende Anwendung zu verwenden.
Diese Eigenschaften sind besonders für öffentliche Dienstleistungen interessant, bei denen einfache Bedienung und niedrige Betriebskosten eine wichtige Rolle spielen.
Allerdings muss die Aussagekraft des Versuchs richtig eingeordnet werden.
Die gemessene Zeitersparnis lässt sich nicht ausschließlich IOTA zuschreiben. Die Projektpartner untersuchten einen gesamten digitalen Registrierungsprozess und verwendeten sowohl IOTA als auch die Technologie von Toshiba.
Ein gesonderter Leistungsnachweis, der die Ergebnisse ausschließlich der öffentlichen IOTA Infrastruktur zuordnet, wurde nicht veröffentlicht.
Die eigentliche Herausforderung liegt bei der Bedienung
Neben den positiven Ergebnissen dokumentierten die Projektpartner mehrere praktische Schwierigkeiten.
Eine davon betrifft die Verständlichkeit der Technologie.
Begriffe wie DID oder Verifiable Credentials sind für viele Menschen wenig aussagekräftig. Gleichzeitig benötigen Nutzer einen einfachen Weg, ihre Zertifikate bei Bedarf schnell zu finden und vorzuzeigen.
Die Ergebnisse zeigen, dass die technische Verifizierung bereits vergleichsweise wenig Zeit beanspruchte.
Das Aufrufen und Bereitstellen der Dokumente dauerte dagegen deutlich länger.
Für einen tatsächlichen Einsatz in einer Notunterkunft wäre deshalb eine möglichst einfache Benutzeroberfläche entscheidend.
Hinzu kommt die notwendige Verbindung mit den bestehenden Verwaltungssystemen einer Kommune.
Eine schnellere Identitätsprüfung löst schließlich noch nicht sämtliche Aufgaben, die mit der Aufnahme und Versorgung von Menschen verbunden sind.
Dazu gehören beispielsweise die Verwaltung von Unterkünften, die Erfassung besonderer Bedürfnisse und die Koordination von Hilfsleistungen.
Die Projektpartner sehen daher vor allem dort weiteres Potenzial, wo digitale Nachweise bestehende Abläufe sinnvoll ergänzen können.
Als mögliche zukünftige Anwendungen wurden unter anderem die Registrierung ausländischer Personen und die Überprüfung von Qualifikationen freiwilliger Helfer genannt.
Konkrete produktive Einführungen dieser zusätzlichen Funktionen wurden bisher nicht bestätigt.
Was bedeutet das für Turing Space?
Für Turing Space liefert das japanische Projekt einen konkreten Praxisfall außerhalb der klassischen Ausstellung von Bildungs- oder Unternehmenszertifikaten.
Das Unternehmen ist bereits in unterschiedlichen Bereichen tätig, darunter Bildung, Gesundheit und die Überprüfung beruflicher Qualifikationen.
Im November 2025 hatte die IOTA Foundation Turing Space offiziell als Teilnehmer ihres Business Innovation Program vorgestellt.
Dabei wurden die Möglichkeiten von IOTA für digitale Identitäten, überprüfbare Zertifikate und eine kostengünstige Ausstellung großer Mengen digitaler Nachweise hervorgehoben.
Der japanische Versuch ergänzt diese Zusammenarbeit um eine praktische Anwendung im öffentlichen Bereich.
Er zeigt, dass sich digitale Zertifikate nicht nur für Abschlüsse und Qualifikationen verwenden lassen, sondern unter geeigneten Bedingungen auch für Verwaltungsprozesse.
Besonders relevant ist dabei die Wiederverwendbarkeit der Nachweise.
Eine Organisation stellt ein Zertifikat aus, während andere berechtigte Stellen seine Echtheit später überprüfen können.
Langfristig könnte dieser Ansatz die Notwendigkeit verringern, dieselben Informationen bei unterschiedlichen Institutionen immer wieder neu vorzulegen.
Der Einsatz setzt allerdings voraus, dass die beteiligten Einrichtungen gemeinsame technische Standards und passende rechtliche Rahmenbedingungen verwenden.
Welche Bedeutung hat das für IOTA?
Das Projekt ist ein weiterer Anwendungsfall für die Nutzung der IOTA Infrastruktur im Bereich digitaler Identitäten.
Während ein wesentlicher Teil der strategischen Entwicklung des IOTA-Ökosystems auf den internationalen Handel ausgerichtet ist, zeigt die Zusammenarbeit mit Turing Space einen anderen Einsatzbereich.
Hier geht es um überprüfbare persönliche Nachweise und deren Verwendung in öffentlichen Dienstleistungen.
Die zugrunde liegende Herausforderung ist jedoch ähnlich: Unterschiedliche Organisationen müssen Informationen zuverlässig überprüfen können, ohne von einer einzigen zentralen Datenbank abhängig zu sein.
Für IOTA ist das relevant, weil digitale Identitäten auch außerhalb von Finanzanwendungen und Handelsprozessen benötigt werden.
Der praktische Nutzen hängt dabei weniger davon ab, ob Anwender unmittelbar mit einer Blockchain interagieren, sondern davon, ob die Technologie alltägliche Aufgaben tatsächlich vereinfacht.
Die japanische Erprobung liefert dafür erste messbare Ergebnisse.
Sie erlaubt jedoch noch keine belastbaren Aussagen über eine breite Nutzung in japanischen Kommunen oder über zukünftige Transaktionsvolumen im IOTA Mainnet.
Auch ein unmittelbarer wirtschaftlicher Effekt für den IOTA-Token lässt sich daraus nicht ableiten.
Wie geht es nach dem Pilotprojekt weiter?
Der Abschlussbericht zum Versuch wurde am 27. Juli 2026 bei der Stadt Iizuka eingereicht.
Am 1. September veröffentlichten die beteiligten Unternehmen die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse.
Für eine mögliche Fortsetzung wurden unterschiedliche Einsatzbereiche diskutiert.
Dazu gehören die Unterstützung individueller Evakuierungspläne, digitale Nachweise für Katastrophenschutzhelfer und weitere Anwendungen im kommunalen Umfeld.
Die bisherige Erprobung hat außerdem gezeigt, dass eine breitere Einführung zusätzliche technische und organisatorische Arbeit erfordert.
Insbesondere müssen Anwendungen einfacher bedienbar werden und mit bestehenden Verwaltungsprozessen zusammenarbeiten können.
Die Zahl von 27 Teilnehmern im ersten Registrierungstest ist zudem zu gering, um daraus allgemeingültige Aussagen über größere Notunterkünfte oder tatsächliche Katastrophensituationen abzuleiten.
Auch Faktoren wie eine eingeschränkte Internetverbindung, der Ausfall von Stromversorgung oder eine hohe gleichzeitige Nachfrage müssten bei zukünftigen Anwendungen berücksichtigt werden.
Fazit: Messbarer Fortschritt mit Potenzial für öffentliche Anwendungen
Turing Space hat gemeinsam mit seinen Partnern gezeigt, dass digitale Identitätsnachweise die Registrierung in einer simulierten Notunterkunft deutlich beschleunigen können.
Die dokumentierte Verringerung der Bearbeitungszeit von 151,06 auf 68,96 Sekunden ist ein konkretes Ergebnis.
Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass der praktische Nutzen nicht allein von der Blockchain Technologie abhängt.
Benutzerfreundlichkeit, vorhandene Verwaltungsstrukturen und die organisatorische Umsetzung sind ebenso entscheidend.
Mit IOTA und der Technologie von Toshiba wurden unterschiedliche Blockchain Ansätze in die Erprobung einbezogen.
Für das IOTA-Ökosystem ist das ein nachvollziehbarer Praxisfall für digitale Identitäten, dessen langfristige Bedeutung von weiteren Tests und einer möglichen produktiven Einführung abhängt.
Ob sich der Ansatz künftig in größerem Umfang durchsetzt, wird sich daran messen lassen müssen, wie zuverlässig, einfach und wirtschaftlich digitale Nachweise im täglichen Betrieb verwendet werden können.
Quellen
- Turing Japan: Ergebnisse des Katastrophenschutzprojekts in Iizuka – September 2026
- Shibuya Web3 University: Offizielle Projektinformationen und Abschlussbericht
- Turing Japan: Ankündigung des Katastrophenschutzprojekts – Dezember 2025
- IOTA Foundation: Introducing Turing Space
- Turing Space: Turing Certs on IOTA